Tür 6

Weihnachtswunder

Weihnachtsgebäck der Delmenhorster Schriftstellerin Katy Buchholz
Foto: pixa bay

In der Küche duftete es bereits am Morgen nach Weihnachtsgebäck. Das zog Luke natürlich öfters in die Küche, immer wieder mit der Absicht naschen zu dürfen. Seine Frau, Lisa, holte gerade das letzte Blech aus dem Ofen und legte behutsam die Plätzchen auf ein Holzbrett zum Abkühlen. Sie backte gern. Schon allein für ihre Kinder, David und Tina, lohnte es sich immer. Als Luke nun einen von den beliebten, selbstgebackenen Keksen seiner Frau nehmen wollte, ging sie dazwischen und verteidigte ihr Werk.

 

„Die sind für das Pflegeheim, nimm dir bitte einen von den kleineren. Die dort hinten auf der Arbeitsplatte sind für uns.“

 

Mit verschränkten Armen stand er vor Lisa und meinte:

 

„Wir haben nichts zu verschenken.“

 

Ohne ihre Reaktion abzuwarten, schaute er sich um, steuerte auf das Blech mit den kleineren Keksen zu und bediente sich, während er anschließend den Raum wieder verließ, schüttelte Lisa nur mit dem Kopf. Luke hat sich in den letzten Jahren so sehr verändert. Wo er früher um jedes noch so kleine Glück dankbar war und lieber gegeben als genommen hat, bekam er heute nicht genug. Obwohl die kleine Familie mehr als reichlich hatte. Sie konnten ohne Bedenken etwas abgeben. So sah sie es, so sah es früher auch Luke. Dann verpackte sie die Kekse in einen großen, weihnachtlichen Pappkarton. Als sie sich aber auf den Weg zum Pflegeheim machen wollte, klingelte das Telefon. Lisas Chef rief an, bat sie, dringend für eine Kollegin einzuspringen. Sie sagte natürlich sofort zu.

„Luke?“, rief sie ihren Mann, der dann auch gleich zurück in die Küche kam.
 

„Wer hat denn angerufen?“, wollte er neugierig wissen. Er hatte das Telefon natürlich klingeln gehört.

„Mein Chef. Ich muss sofort für ein paar Stunden auf Arbeit und für eine Kollegin einspringen. Könntest du bitte die Kekse ins Pflegeheim bringen.“

 

Luke schaute sie an, als mache sie Scherze.

„Bitte! Es wäre mir sehr wichtig“, bat sie ihn etwas eindringlicher.

„Gut“, sagte er wenig erfreut, „dann bring ich sie nachher eben hin.“

Lisa bedankte sich mit einem Kuss bei ihrem Mann, schnappte sich ihre Handtasche, ihren Autoschlüssel und zog sich die Jacke drüber und schon war sie verschwunden. Am Tag des Heiligabends war in der Stadt eine unüberschaubare Panik ausgebrochen. Nicht nur, dass die Menschen glaubten, nichts mehr im Kühlschrank zu haben, und darum unnötig die letzten Stunden dazu nutzten ihr Geld auszugeben für Lebensmittel, die möglicherweise gar nicht nötig waren, sondern auch, um noch schicke Kleidung für den Sohn, die Tochter oder für sich selber zu kaufen, als hätten sie nichts im Schrank. Sie nannten es Schnäppchen.  Luke nannte es übertriebene Einkaufssucht zu Weihnachten. Obwohl er auch gern einen Anzug trug und hin und wieder eine neue Jeans benötigte, kam einkaufen am Heiligabend für ihn nicht in Frage. Da hatte er seine Ehre. Als er endlich am Pflegeheim ankam, musste er sich zunächst einen Parkplatz suchen, als er endlich einen gefunden hatte, der nicht zugeschneit war,  schnappte er sich die Kekse, schloss das Auto ab und betrat das Gebäude. Er sah die alten Menschen, die ihn freundlich anlächelten, als sie ihn mit dem fein verzierten Karton sahen.

 

„Das ist aber ein schöner Karton“, sagte eine ältere Dame im Rollstuhl und lächelte freundlich dabei.

 

„Ja, das ist er“, sagte Luke gespielt höflich.

 

„Können Sie mir verraten, wo ich hier jemanden vom Pflegepersonal finde?“, fragte er sie höflich, diesmal weniger gespielt, eher so wie er jeden anderen behandelte.

 

„Dort, schauen Sie“, dabei zeigte sie mit ihrem Zeigefinger den langen Flur entlang, „diesen Gang entlang, dann müssten Sie jemanden finden“.

 

Luke bedankte sich und wie in Eile hechtete er mit dem Karton in der Hand den langen Gang entlang. Als er dann jemanden fand, so wie die alte Dame versprach, war er beruhigt, denn damit war seine Aufgabe erledigt und er konnte wieder nach Hause zurück fahren. Was erneut eine Menge Stress und Weihnachtsverkehr bedeutete. Die alte Frau im Rollstuhl sah er allerdings nicht nochmal. Als er das Pflegeheim verlassen wollte, blieb er im Ausgang stehen und erschrak. Vor ihm tauchte wie in grelles Licht getaucht eine Erscheinung auf. Es war ein Engel, wie er kurz darauf erkannte. Dieser war anmutig, hatte blondes Haar, so wie Engel oft beschrieben werden und sah keinesfalls streng aus, zwar ernst, aber eher selbstbewusst. Sie hatte liebevolle Gesichtszüge. So hatte sich Luke Engel immer vorgestellt. Doch was wollte dieser Engel von ihm? Er war wieder einmal in Zeitdruck, musste nach Hause, damit er das Abendessen vorbereiten konnte, denn Lisa arbeitete nur bis achtzehn Uhr und es war schon um vier. Er war Stress und Hektik gewohnt, immerhin bestand sein gesamtes Leben aus ständiger Hetzerei und unnötigem Perfektionismus, ohne dabei nur kurz zur Ruhe zu kommen. Wobei es an ihm lag, denn so vieles, was wirklich wichtig war, hatte er über die vergangenen Jahre vollkommen vergessen. Es war ein Wunder, dass er noch keinen Herzinfarkt bekommen hatte. Nun standen sich der Engel und der Mann  gegenüber. Es wurde allmählich duster, in etwa einer Stunde war es schon fast dunkel.

„Ich möchte dich, sagen wir mal, an etwas erinnern, Luke“, sagte der Engel freundlich. Der lachte nur leise auf. Er hielt die Erscheinung für einen schlechten Witz.

„Es ist Weihnachten, was bitte, soll ich vergessen haben. Ich werde jetzt gehen“, sagte er bestimmend. Er war tatsächlich auf dem Weg zu seinem Auto. Der Engel war noch da, ergriff nun die Offensive und es reichte nur ein Schnippen mit ihren Fingern und der Zauber war für eine bestimmte Zeit geschehen, ob Luke wollte oder nicht. Wie er an seinem Auto stand, kam er dann bis zum Schloss der Fahrertür und konnte gerade so durch die Scheibe schauen, er wunderte sich, schließlich sah er sich im Spiegel, zumindest sah er sein Gesicht, doch es erinnerte ihn an sich selber als er dreizehn Jahre alt war, das konnte aber unmöglich sein. Außerdem war er geschrumpft, war gerade mal so groß wie ein Kind in dem besagten Alter. Luke war ein erwachsener Mann. Jedenfalls war er das bis zu diesem Moment noch. Er betastete mit seiner rechten Hand sein Gesicht und erschrak. Er war wieder im Alter von dreizehn Jahren. Luke drehte sich vorsichtig zu dem Engel um, dabei langsam aber ganz tief durchatmend, fragte er sie:

 

„Was hast du getan?“ Schelmisch lächelnd antwortete sie:

 

„Du wirst dich gleich an etwas erinnern.“

 

Dann zeigte sie auf die andere Straßenseite und wies ihm dabei auf das Spielwarengeschäft, das schon seit Ewigkeiten vom gleichen Eigentümer betrieben wurde. Luke rannte hinüber und sah die Eisenbahn, die dort ausgestellt war.

 

„Diese Eisenbahn war als Kind mein größter Wunsch, doch meine Eltern hatten nicht genug Geld dafür, jedes Jahr vertrösteten sie mich immer wieder, stattdessen überraschten sie mich irgendwann am Heiligabend mit einer selbstgebastelten. Sie sah so verblüffend echt aus, viel besser als die hier ausgestellte“, erinnerte er sich plötzlich wieder.

 

Er liebte dieses Spielzeug so sehr, dass er sich erinnerte, sie auf dem Dachboden in einer Umzugskiste zu finden. Die ganzen Jahre hob er sie auf, um sie eines Tages seinen Kindern an einem Tag wie diesem unter den Weihnachtsbaum zu stellen und zu hoffen, dass sie sich genauso sehr freuten, wie er damals, als er in diesem Alter war. Er setzte sich auf den Bordstein und hatte dicke Tränen in den Augen. Wie konnte er diese doch so wichtigen Erinnerungen seines Lebens vergessen, als gäbe es sie nie? Er hatte sich verändert, war erwachsen geworden, dabei wurden die materiellen Dinge wie Geld verdienen, der Luxus, den er sich und seiner Familie gönnte, plötzlich wichtiger als Zeit mit der Familie zu verbringen und an andere Menschen zu denken, die weniger haben. Er hatte genug, musste nicht hungern und wusste, selbst wenn er weniger hätte, hatte er immer noch genug. In diesem Moment hörte er jemanden husten. Es war nicht weit entfernt von ihm. Als er ihn sah, den alten Mann, der in einer dicken, warmen Decke eingehüllt, am Straßenrand saß, kramte er in seinem Mantel nach etwas Kleingeld, fand drei Groschen und rannte schnell zu ihm hin, warf die Münzen in den Becher, den der alte Mann vor sich stehen hatte und dieser bedankte sich und wünschte dem kleinen Luke ein schönes Weihnachtsfest. Plötzlich graute es ihm, dass tatsächlich Weihnachten war – das Fest der Liebe und der Familie. Für so viele Menschen war es das nicht und dennoch schienen sie nicht zu jammern und machten das Beste aus ihrer Situation. Luke dachte an seine Familie und erinnerte sich, wo er heute wohnte, lief langsam an den mit Schnee bedeckten Häusern vorbei, die im Licht der Laternen leuchteten. Fast überall hingen Lichterketten an Häusern und an Tannenbäumen, die neben Deko-Schneemännern und -Weihnachtsmännern, im Garten standen. Alles sah nach Harmonie aus, alles war so wunderschön geschmückt und manchmal konnte Luke in das ein oder andere Fenster schauen und sah dabei die fröhlichen Gesichter der Familien, die alle unterschiedlich Weihnachten feierten. Im Grunde seines Herzens wollte Luke das Weihnachtsfest erleben, wie er es als Kind erleben durfte. Und als er vor seinem eigenen Haus stand, öffnete er leise das Gartentor. Nur das Knirschen des Schnees unter seinen Füßen war zu hören. Er stellte sich an das Fenster. Und obwohl er noch nicht größer war als der dreizehnjährige Luke, was ihm die Sicht etwas erschwerte, konnte er dennoch genug sehen, weil er sich auf den Schlitten der Kinder gestellt hatte, den sie wieder einmal vergessen hatten in den Schuppen zu räumen. Diesmal kam ihm dies aber gelegen. Er beobachtete wie seine Frau auf dem Sofa saß, hin und wieder hoch zur Wanduhr sah, und dabei nicht glücklich aussah. Tina und David saßen in der Nähe vom Weihnachtsbaum, warteten und sahen ebenfalls nicht besonders glücklich aus. Dann spürte er das Licht erneut, das er vor dem Pflegeheim sah, der Engel tauchte wieder auf. Luke überraschte nichts mehr. Mit der Zeit gewöhnte er sich an das unerwartete Erscheinen des Engels. Doch diesmal war etwas anders. Sie klang fürsorglich und liebevoll zugleich.

 

„Wie ich sehe, hast du erkannt, was du über die letzten Jahre hinweg vergessen hast.“ Luke sah sehnsüchtig durch das Fenster und mit ehrlichen Worten antwortete er ihr:

 

„Ich habe es wirklich vergessen, um was es im Leben geht und möglicherweise vielleicht sogar ein klein wenig mehr.“ Der Engel der Weihnacht meinte daraufhin:

 

„Wenn du deine Familie siehst, was geht dir durch den Kopf?“ Er sah sie kurz an und dann sah er wieder ins Wohnzimmer.

„Ich denke, dass ich Glück habe, großes Glück sogar.  Wir haben alles was wir brauchen, selbst wenn es mal wenig erscheint, werden wir immer noch genug haben.“

 

Der Engel erkannte, dass Luke seine Lektion gelernt hatte und schnippte ein weiteres Mal mit dem Finger, dann wuchs er wieder auf seine normale Größe heran und sah in der Reflexion des Fensters einen inzwischen erwachsenen Luke. Dankbar nickte er dem Engel zu. Zufrieden nickte sie zurück und verschwand. Luke stieg vom Schlitten, den er zur Seite stellte und ging zur Haustür, benutzte den Schlüssel und trat ein. Seine Frau, die das Schließen der Haustüre vernahm, kam ihrem Mann entgegen und auch die Kinder kamen hinter ihr angerannt und umarmten ihren Vater.

„Wo warst du die ganze Zeit? Wir haben uns Sorgen gemacht.“ Entschuldigend sah er seine Frau an und antwortete ihr:

 

„Sagen wir mal, ich hatte noch eine Lektion zu lernen.“ Lisa verstand nicht, war allerdings froh, dass Luke nichts zugestoßen ist und er wieder Zuhause war.

 

„Apropos, da fällt mir noch was ein“, flüstert er geheimnisvoll, „ich muss mal kurz auf den Dachboden. Der Weihnachtsmann hat mir heute was verraten.“

 

Als er wiederkommt, geht er direkt ins Wohnzimmer wo seine Familie auf ihn wartet. Er hält die Eisenbahn in der Hand, leicht verstaubt und dennoch sehr gut erhalten. Diese stellt er, nachdem er sie mit einem sauberen Tuch abgewischt hat, unter den Weihnachtsbaum und beobachtet dabei das Leuchten der Augen seiner beiden Kinder, Tina und David.  Lisa kennt die Geschichte und ist überrascht. Sie freut sich, dass Luke sich an die Geschichte erinnert, die sein Leben schon in jungen Jahren geprägt hat. Dass er sich wieder erinnerte, was wirklich zählte.

 

„Deine alte Eisenbahn, du hast doch nicht alles vergessen.“ Sie ist immer noch tief berührt und den Tränen nah. Er gibt zu: 

 

„Zwischenzeitlich habe ich manches schon vergessen, doch jemand hat mich heute daran erinnert, und mir gut zugeredet.“

 

Mehr wollte er von seinem Erlebnis nicht verraten, aus Angst, dass ihn seine Frau für verrückt halten würde. Lisa lächelte, obwohl sie sich nicht vorstellen konnte, wen oder was er meinte, fragte sie nicht nach und sagte stattdessen:

 

„Man kann es nennen wie man will, ich nenne es Wunder.“

Daraufhin wurde ihr klar, dass er ihr damit zu verstehen geben wollte, dass Luke immer noch der Mann ist, in den sie sich vor ein paar Jahren verliebt hatte.

© Sebastian Görlitzer


 

Für diese wunderschöne Geschichte möchte ich meinem lieben Autorenkollegen Sebastian Görlitzer herzlich danken.



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