Leseprobe

Kapitel 1

In dem Moment, in dem Beatrice die Dusche verlässt, klingelt das Telefon. Mit einem Handtuch um den nassen Körper läuft sie ins Schlafzimmer. Nicht ahnend, inwieweit dieser Anruf ihr Leben durcheinanderbringen wird, nimmt sie den Hörer ab. „Hallo?“

   Am anderen Ende der Leitung sagt zögerlich eine weibliche Stimme: „Ich hätte gerne Frau Schlösser gesprochen.“

   „Am Apparat.“

   „Gut“, sagt die Anruferin, atmet hörbar erleichtert aus und fährt dann fort: „Entschuldigen Sie bitte. Ich weiß, es ist schon spät, aber ...“

   Beatrices Blick wandert zum Wecker, der neben dem Telefon auf dem Nachtschrank steht ‒ dreiundzwanzig Uhr vierzig. Stimmt, stellt sie fest. Normalerweise ruft mich um diese Uhrzeit keiner mehr an. Nun ja, egal was es ist, hoffentlich dauert es nicht allzu lange. Ich bin fix und fertig. Beatrice überlegt, kommt aber nicht darauf, an wen sie die Stimme erinnert. „Tut mir leid. Kennen wir uns? Wenn ja, dann ist mir entfallen, woher.“

   „Nein, jedenfalls nicht persönlich“, erklärt die Anruferin. „Mein Name ist Tanja Siewert. Ich bin die Nachbarin von gegenüber und eine gute Freundin von Anni … Annemarie Reuter. Das ist Ihre Tante, soviel ich weiß.“

   Vor Beatrices geistigem Auge erscheint eine einen Meter achtundfünfzig große, quirlige und stets gutgelaunte Mittsechzigerin, die das Herz am rechten Fleck trägt. Die Arbeit als freie Journalistin, die Trennung von Norman und tausend andere Gründe sind schuld, warum sich der Kontakt zu ihrer Tante in letzter Zeit in Grenzen hält. Umso besorgter ist Beatrice über den Anruf der fremden Frau um diese Uhrzeit. „Ist etwas passiert? Geht es ihr gut?“

   Tanja schluckt, dann fängt sie an zu stottern. „Ich weiß überhaupt nicht ... wie sag ich es am besten ...“

   „Einfach frei von der Leber weg“, sagt Bettina kommen lauter als gewollt. Bitte keine weiteren schlechten Nachrichten. Ich bin noch dabei, jene zu verdauen, die ich vor einigen Tagen vom Vermieter bekommen habe. Und dann ist da ja auch noch Norman, der mich seit unserer Trennung partout nicht in Ruhe lässt.

   „Also gut. Ihre Tante ist heute Mittag die Treppe heruntergefallen. Es war die hintere, die im Atelier.“

   Autsch. Entsetzt stößt Beatrice die Frage „Wie ist das denn passiert?“ heraus.

   „Keine Ahnung. Ich war unterwegs“, antwortet Tanja einen Hauch zu hastig, bevor sie im normalen Tempo weiterspricht. „Es dauerte ... ich glaube, eine Stunde. Als ich nach Hause kam und gerade dabei war, die Einkäufe auszuladen, da hörte ich sie rufen ... ganz leise. Zum Glück stand die Ateliertür offen. Ach, ich mag nicht darüber nachdenken, wie lange sie da sonst gelegen hätte. Auf jeden Fall habe ich sofort den Notarzt angerufen und bin bei ihr geblieben, bis er eintraf. Mein Eis, das können Sie sich ja vorstellen, war inzwischen aufgetaut. Aber egal, Hauptsache, Anni ist bald wieder auf den Beinen.“

   „Oh gut, dann war sie wenigstens nicht allein. Ich danke Ihnen. Wissen Sie, wie schlimm der Sturz war?“, erkundigt sich Beatrice. Sie hofft, der Unfall hat ihrer Tante nicht mehr als ein paar blauen Flecken beschert.

   „Oh Gott, wie sag ich’s nur? Es sieht ...“, druckst Tanja herum. „Frau Schlösser, wenn Sie es irgendwie einrichten können, dann kommen Sie her … so schnell wie möglich. Der Arzt sprach von einem Oberschenkelhalsbruch. Ich glaube, der war rechts und geprellte Rippen hat sie auch. Außerdem erwähnte er eine heftige Gehirnerschütterung. Sie ist wohl arg mit dem Kopf aufgeschlagen.“

   Beatrice schluckt. „Das klingt nicht gut.“

   „Nein, leider nicht ...

 

© Katy Buchholz